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Detlef Kuhlbrodt

Detlef Kuhlbrodt
Detlef Kuhlbrodt, geboren 1961 in Bad Segeberg, lebt als freier Autor in Berlin. Seit den Achtzigern schreibt er für Zeitschriften und Zeitungen. 2008 erhielt er den Ben-Witter-Preis. Zuletzt ist von ihm in der edition suhrkamp Umsonst und draußen  erschienen.
Detlef Kuhlbrodt bei Suhrkamp
Vielleicht später: Marl

Normalerweise spricht man ja eher selten mehr als drei zusammenhängende Sätze über Filme, sondern guckt und schreibt.

Images

Man wird wieder David-Bowie-Lieder singen, aber es wird nicht mehr das Gleiche sein.

Vielleicht später: Herbst 15

Ein paar Tage, eher Wochen – ich hatte ja drei Knausgård-Bücher hintereinander gelesen – war ich Gast im Leben eines anderen und dann wieder allein zu Haus.

Vielleicht später: Mai. Eins.

Die Tage sind schön. Einen Workshop zum Thema Filmkritiken zu leiten, macht mir mehr Spaß, als selber Filmkritiken zu schreiben.

Vielleicht später: Time after Time

Wir sangen ungefähr die gleichen Lieder wie die Jahre zuvor; aber die Beatles hatten wir vergessen, und manchmal fehlten in der Karaokeversion ein oder zwei Zeilen.

Vielleicht später: Früh-ling

»Früh-ling« fiel mir ein, weil ich über einen Satz von Christa Ritter gestolpert war, in dem das Wort »ver-rückt« auftauchte, das ich lange nicht mehr gelesen oder gehört hatte.

Vielleicht später: Berlinale 15

Die Berlinale ist so ähnlich wie Geburtstag oder Weihnachten. Sie kommt immer zu früh, man hat Angst davor, weil sie doch das schönste Berliner Kulturereignis ist.

Vielleicht später: So lala

Die Vergangenheit ist etwas, das ich gestalten kann; die Gegenwart versuche ich, vorurteilsfrei zu akzeptieren, auf die Zukunft habe ich keinen Einfluss.

Vielleicht später: Vor Weihnacht

Die Tage gehen ihrer Wege. Angeblich soll bald Weihnachten sein. Das Wochenende ist schön; ich treffe ein paar Freunde, die ich zu lang nicht mehr gesehen habe, und lese »Tumult«.

Vielleicht später: Mitte Dezember

In dem Kiosk hängt an der Tür ein Schild, auf dem steht »vielen Dank und einen schönen Tag!« Vielleicht anders formuliert, aber doch in diesem Sinne. Ich freu mich immer sehr über dies Schild, und normalerweise sitzen draußen auch Frauen und unterhalten sich bei einer Zigarette und einem Kaffee.

Vielleicht später: Bad Segeberg

Beim Wiederlesen stolperte ich über dies vergangene Ich, das beim Schreiben entsteht und im Text erscheint, nur momenthaft und nachträglich.

Vielleicht später: Man sagt, es sei noch Sommer

»Sind das IS-Sympathiebekundungen?« – »Ich glaube schon.« Ungefähr zwanzig in meiner Nachbarschaft, in der Solms- und der Schleiermacherstraße. Ich stelle mir 14-jährige Jungs vor. Am U-Bahnhof Ku’damm das Graffiti »IS IS LOVE!«

Vielleicht später: 3. Oktober

Ich neige eher zur Short-Time-Nostalgie. Je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich zurück zu blicken, zumindest schriftlich. Ost und West und Mauerfall; tausendmal davon geschrieben, es ist vergangen. Dem alten Westberlin trauere ich nicht hinterher. Der DDR sicher auch nicht. Was zum Feiertag und zu 89 zu sagen ist, wird gesagt worden sein. Der 3. Oktober bedeutet mir nichts, außer, das die Einrichtung von Feiertagen zu begrüßen ist.

Vielleicht später: Herbst

Und plötzlich stand da ein Fuchs. Ich sah ihn und blieb stehen, der Fuchs setzte sich. So standen wir eine Weile. Und nahmen den jeweils anderen auf unterschiedliche Weise wahr.

Vielleicht später: Die Tage

Vor der Carl-von-Ossietzky-Schule in der Blücherstraße. Als ich fotografierte, fragten mich zwei Mädchen, was denn in drei Tagen wäre – keine Ahnung: »Haben Sie das dort hingeschrieben?« – »Nö.«

Vielleicht später: Ende August

Die Hundebesitzerin sagte, ich dürfe ihren Hund wegen Persönlichkeitsrechten nicht fotografieren. Sie hat aber Unrecht! Vor ein paar Tagen gab es jedenfalls die Meldung, dass Tiere kein Recht haben an ihrem eigenen Bild. In dem Prozess war es um einen Schimpansen gegangen, der sich selbst fotografiert hatte.

Vielleicht später: August; Schemen

Eine Dame, vielleicht siebzig, sorgfältig geschminkt, an der Kasse von Netto: »Ach, ich habe meine Zigarettchen vergessen.« – »Welche nehmen Sie denn?« – »Die billigsten.« – »Power.« – »Ja Power!«

Vielleicht später: Danach

Dann war Halbzeit, immer noch aufgeregt von dem Spiel und verwirrt davon, dass es mir gefiel, in einer Kirche Fußball zu gucken, ging ich wieder raus, wollte rauchen, hatte meine Zigaretten vergessen und guckte den Rest des Spiels dann wieder zu Hause mit meinen Internetbekannten.

Vielleicht später: Seltsam

Ich hatte erwartet, mich wie bei den letzten WMs hineinzusteigern, aber es war gar nicht so. Ich schaute fast alles, es machte auch Spaß, ich machte mir tausend Notizen, aber war eigentlich doch mit den Gedanken woanders.

Vielleicht später: Einsatz = Fußballgucken

Sollten wir darauf aufmerksam gemacht werden, dass uns der Polizeieinsatz beim Fußballgucken stört? Nein, es war wohl irgendwie ironisch gemeint: Das ist also euer Einsatz für eine bessere Welt: Fußballgucken. Schämt ihr euch nicht?

Vielleicht später: Anfang Sommer

Natürlich schön, wie sich ex-beste Freundschaften hinter dem eigenen Rücken weiterentwickeln, auch in den Jahren, in denen man sich kaum sieht. Und komisch irgendwie, dass man sich beim Wiedersehen dann plötzlich so familiär vorkommt.

Umsonst & draußen: Schreibtische 2

Manche sprechen in so einem leicht belustigten, nicht ganz ernst nehmenden Ton von dem Ich, das sie mal waren; wie Eltern manchmal, wenn sie mit ihren Kindern sprechen.

Umsonst & draußen: 22. bis 31. August 08

Die Menschen in meiner Gegend sind meist auf oder unter Drogen. Zwei von ihnen saßen rauchend im Hauseingang und sagten »bitte nicht weitersagen«, als ich an ihnen vorbeiging. Teufel Alkohol hat hier auch viele Freunde.

Die Sehnsucht nach der wahren Arbeit

Detlef Kuhlbrodt erinnert sich anlässlich des Ersten Mai an seine Kindheit und Jugend (»Als Teenager war ich stolz aus der Arbeiterklasse zu kommen und trampte oft mit dieser blauen Arbeiterlatzhose meines Vaters durch die Gegend«) und reflektiert sein Arbeitsleben (»Immer wird ja alles besser und manchmal ist es auch super«).

Umsonst & draußen: Juni 08

Einerseits waren sie tatsächlich für die Türken; andererseits schienen sie sich gegen die Zuschreibung (dass sie also für die Türken sein müssten) zu wehren. Sie wehrten sich dadurch, dass sie die ihnen unterstellte Mannschaft weniger anfeuerten, als von den anderen Zuschauern erwartet (die ihrerseits, als zurückhaltende Grünenwähler, auch aus politischen Gründen, für die Türken waren).

Umsonst & draußen: Mai 08

Und mit den Jahren hatte sich der Wandel ganz allmählich vollzogen. Die, die es früher vielleicht zu den Schlachten gezogen hatte, auf der Suche nach mehr Adrenalin, kifften nun am Mariannenplatz, aßen was oder tranken ein Bier, lasen wohl mal ein Flugblatt oder blieben an Ständen stehen, gingen ein bisschen spazieren, hörten Musik, spielten Fussball usw.

Umsonst & draußen: April 08

Früher war ich nicht so ein offener Typ. Wenn ich jemanden zum ersten Mal gesehen hatte, hatte ich nie viel geredet. Wenn ich jetzt irgendwo hingehe, rede ich mehr. Die meisten Männer interessieren sich ja für Schalke und ich kann auch für Schalke ein bisschen Werbung machen und erklären, was Schalke ist und dass ich Schalkefan bin. Wir können dann viel erzählen. Nicht nur über Schalke.
Eine Freundin hat mir mal gesagt, vielleicht sind ja deine Vorfahren Bergbauern und deswegen interessierst du dich für Schalke. Kann sein. Aber ich hab nie gehört, dass meine Vorfahren Bergleute sind.

Umsonst & draußen: 02. bis 31. März 08

Ich fühlte mich wohl. Wie ich mich immer sofort wohl und aufgehoben in Behörden gefühlt hatte. Bei der KFZ-Meldestelle. Im Meldeamt. Im Finanzamt. Im Krankenhaus. Das war mir alles sofort vertraut. Meine Affinität zu Behörden kam sicher daher, dass meine Mutter in der Kreisverwaltung als Phonotypistin gearbeitet hatte. Sie hatte immer mit behördlichen Texten besprochene Platten abgetippt. Und ich war nach der Schule oft ins Kreishaus gekommen, um den Hausschlüssel abzuholen.

Umsonst & draußen: Februar 08

In Ulrich Peltzers Roman »Teil der Lösung« wäre die Szene so weitergegangen: die Sicherheitsleute (die bei dem Schriftsteller kräftiger gewesen wären, als in echt) hätten den Flaschensammler aufgefordert, zu gehen und ihn dabei geschubst. Der Flaschensammler hätte angefangen zu krakelen.
Eine neugierige Traube von Zuschauern hätte sich gebildet und dem Ereignis neugierig zugeguckt. Einige der Zuschauer hätten ihr Handy gezückt.
Ein überforderter Sicherheitsmensch hätte dem Flaschensammler auf die Nase gehauen, die Zuschauer angeschnauzt, nicht zu fotografieren. Verstärkung wäre gekommen. Fünf bodygebuildete Securityleute hätten den wild um sich schlagenden Flaschensammler schließlich nach draußen getragen, wo ein Polizeiauto mit Blaulicht den Delinquenten entgegengenommen und weggefahren hätte.

Umsonst & draußen: 13. bis 31. Dezember 07

In der Nacht war ich ein paar Mal aufgewacht und hatte zwei halbe Zigaretten geraucht, die noch im Aschenbecher waren. Und irgendetwas Wichtiges hatte ich noch ganz plastisch und deutlich im Kopf gehabt – irgendetwas über Rauchen und Kommunikation mit Zusatz: nicht vergessen!

Umsonst & draußen: 13. bis 30. November 07

Beiden Seiten hatte es damals an Empathie gefehlt; vielleicht auch an Respekt. Die Kommunikation war gestört. Dinge, die hätten gesagt werden müssen, waren zuvor nicht gesagt worden.

Umsonst & draußen: 01. bis 12. November 07

Die Abschlussparty war ein Geschenk; nicht nur für die Gäste und Teilnehmer, sondern auch für die anderen Filmfreunde, die zwar sechs Euro zahlen mussten, dafür aber auch Freigetränke und Schnittchen bekamen.

Umsonst & draußen: 01. bis 11. September 07

Vielleicht ist das sogar schon die Rudi-Dutschke-Straße. Tagsüber hatte ich in einem Buch über die 60er Jahre gelesen (Alles schien möglich … ; Verlag: der Grüne Zweig). P.P. Zahl hatte darin geschrieben: »Rudi Dutschke war nie jener gewaltlose (Schein-)Heilige, zu dem man ihm nach seinem Tode machen wollte«.

Umsonst & draußen: 14. bis 31. Juli 07

Auf der anderen Seite des Friedhofs, in der Lilienthalstraße vor allem, aber auch in der Züllichauer, gibt es vielleicht 50 Liebes-Graffitis. Viele kommen noch aus den Neunzigern.

Umsonst & draußen: 01. bis 13. Juli 07

Es war Geburtstag. Die japanischen Freunde hatten H. eine Leselampe geschenkt und einen schönen, weichen Buchumschlag und ein Buch, an das man diese Leselampe ranklemmen kann. H. war etwas enttäuscht, als er bemerkte, dass das Gerät nicht aus Japan, sondern aus Deutschland kam.

Umsonst & draußen: Juni 07

Bad Segeberg. Die Zettel an den Wänden:
»Ich bin liebenswert.
Ich bin lebensfähig
und es gibt Menschen,
die mir helfen!« (lt. Pastorin)

Umsonst & draußen: Mai 07

Es war vormittags. Nach vier Tagen war die Grateful Dead-Datei endlich vollständig geladen. Endlich hatte ich das fast vierstündige Konzert, dass ich 1981 Ende März im Fernsehen nur teilweise gesehen hatte. Wir waren komplett dicht gewesen und ich war dann eingeschlafen, als die Gaukler kamen. Ich hatte es unbedingt noch einmal sehen wollen auch weil ich mir überlegt hatte, einen Roman zu schreiben, in dem der 28.3.81 eine wichtige Rolle spielen sollte. Eines von angedachten drei Kapitelns sollte am 28.3.81 spielen.

Umsonst & draußen: Januar 07

Eigentlich war ich vom Internet abgeschnitten. Aber wenn ich auf den Balkon
ging und den Laptop in die Luft hielt, hatte ich manchmal eine Verbindung.