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Marion Poschmann

Marion Poschmann (© Jürgen Bauer)
Marion Poschmann wurde 1969 in Essen geboren. Ihr Roman Die Sonnenposition war nominiert für den Deutschen Buchpreis 2013 (Shortlist).
Marion Poschmann bei Suhrkamp
Durch die Bibliothek …

… wenn ich alle diese Bücher in materieller Form »sammeln« würde, bräuchte ich ganz andere Räumlichkeiten, ein Schloß.

Zur Räumlichkeit des Romans

Der Roman kann so gut wie alles sein. Der Roman kann ein Adventskalender sein. Er zeigt ein Bild, und in diesem Bild öffnen sich an unerwarteten, auch unvorhergesehenen Stellen Türen – wenn das Ausgangsbild eine Winterlandschaft ist mit Fichten, Kindern auf Schlitten und Rehen, öffnet sich beispielsweise ein Türchen im Schnee und mag etwas zeigen, was auch »realerweise« dahinter verborgen sein könnte – ein kleines Tier in der Erde eingegraben, in seinem Bau, im Winterschlaf. Oder es zeigen sich die irrealen Dinge, Weihnachtswünsche, Sterne, Spielzeuge, Engel hinter sich öffnenden Wolken – Symbole, die zu wünschen vorgegeben waren und die auf ganz andere Wünsche verwiesen, den nach Schutz, nach Geborgenheit, nach Frieden, nach Schönheit.

Marion Poschmann schwärmt von George Saunders

Als ich im Winter mit einem Stipendium des Deutschen Literaturfonds in New York war, habe ich George Saunders entdeckt. In den Zeitungen wurde er als eines der großen Genies der amerikanischen Literatur gerühmt; in Deutschland hat kaum jemand von ihm gehört, vielleicht, weil er keine Romane, sondern Erzählungen schreibt. Das erste Buch habe ich aufgrund des Covers gekauft: ein ausgestopfter Hirsch aus dem Naturkundemuseum, unterlegt mit einem Prägemuster aus kitschigen Glitzersternchen. Ein unmögliches Cover also, und genauso sind die Geschichten, schrill, kontrastreich, cool und herzergreifend.

Über Schönheit

Schönheit ist keine Kategorie mehr, die auf einen Roman der Gegenwart Anwendung fände. Man bemerkt und lobt eine gewisse Kunstfertigkeit, einen lakonischen Ton oder inhaltliche Relevanz, aber die Schönheit steht generell unter Kitschverdacht. Einen Roman etwa »einfach schön« zu nennen, gehört zum Schlimmsten, was man über ihn sagen kann.